Moritas Therapieplan

Morita schlug einen vier Phasen umfassenden Therapieplan vor:

1. Phase der strengen Isolierung

Beginnend mit sieben Tagen Bettruhe im Schweigen, ohne irgendwelche Ablenkungen und ohne Besuche soll die hilfesuchende Person das Alleinsein erleben, um zu sich zu kommen. In dieser Zeit kommt es nach anfänglicher Erleichterung etwa am dritten oder vierten Tag zur Verschärfung der Symptomatik. Es entwickelt sich in der partiellen sensorischen Deprivation ein gewisser Reizhunger und Verlangen nach Tätigwerden.

 

 

 

2. Phase der leichten Beschäftigung

Nach sieben Tagen strenger Isolation, in der nur Bedürfnisse von Nahrungsaufnahme und Hygiene erfüllt wurden, folgt eine kurze Zeit stiller Beobachtung, z. B. was auf einem Quadratmeter Gartenboden innerhalb einer Stunde geschieht. Dann beginnt die Zeit leichter und gleichförmiger Arbeit, die in einer Umgebung der Stille ausgeführt wird; z. B. Aufsammeln trockenen Laubes im Garten; Abschöpfen von Blättern im Koi-Teich. Diese Zeit ist eine Hinwendung zur Welt, auf das Außen; doch zugleich wird die Wahrnehmung der veränderten Weltzuwendung auf das Selbstempfinden zurückwirken und auch das Selbstbewusstsein kräftigen. „Kein Selbst-Bewusstsein ohne Selbst-Wahrnehmung! Mit Beginn dieser Phase führt die hilfesuchende Person ein persönliches Tagebuch mit nur wenigen Sätzen am Tag, das allabendlich eingesammelt, von der therapeutischen Person gelesen und, mit therapeutischen Anmerkungen versehen, am nächsten Morgen wieder ausgehändigt wird.

3. Phase der zunehmend schweren Beschäftigung

Morita beschäftigte seine Patienten – die er lieber „Lernende“ nannte – möglichst unter freiem Himmel mit anstrengenden Arbeiten, was diesem Therapieabschnitt auch die saloppe Bezeichnung "Holzhacker-Phase" eingebracht hat. Die hilfesuchende Person erfährt sich in dieser Arbeitstherapie, die auf Beanspruchung und Kräftigung des Körpers angelegt ist, als handelndes Subjekt mit einem belastbaren, der Welt zugewandten Willen. Die hilfesuchende Person entwickelt dabei ihre anfänglich passive, Heilung erwartende Einstellung zu einer handlungsorientierten, selbstbestimmten Haltung. Die genesende Person wird ggf auch ermutigt, sich kreativ zu betätigen: In manchem klinischen Setting sind Kunsttherapie. Kalligrafie und Musiktherapie eingebunden.

4. Aktivität in voller Alltagsbelastung

In der letzten Phase verlässt die hilfesuchende Person zunehmend lange das Umfeld des Krankenhauses, um das Erlernte anzuwenden und sich den Anforderungen der Gesellschaft zu stellen. In dieser letzten Phase lernt die hilfesuchende Person, den neuen Lebensstil in ihren Alltag zu integrieren. Dieser besteht nun aus einer strukturierten Lebensweise mit physischer Aktivität, klarem Denken und Meditation.

 

 

Therapeutische wirksame Tätigkeiten

In therapeutischer Hinsicht kann während der zweiten und dritten Phase jede leichte Tätigkeit eingesetzt werden. In den beiden Phasen der leichten und der zunehmenden Beschäftigung können auch typisch japanische Disziplinen wie Blumenstecken, Gestaltungstherapie (Malen, Kalligrafie, Musiktherapie), Teezeremonie und Kyudo im meditativen Sinne eingebunden werden, um die Konzentration auf eine Sache oder Tätigkeit und die Achtsamkeit für das Tun zu fördern.

 

Eine Teilnehmerin am therapeutischen meditativen Bogenschießen beschrieb die Erfahrung so: „Das meditative Bogenschießen hat etwas Therapeutisches. Man lernt sich besser kennen, wird in der meditativen Phase zentrierter und allgemein, mit zunehmendem Üben, auch ruhiger und gelassener. Mit wachsender Belastung beim Üben erfährt man die eigene Kraft und wird zielgerichteter.“

 

Ein Teilnehmer der Kalligrafiegruppe urteilte: „Es ist nicht allein die konzentrierte Tätigkeit des Schreibens mit dem Pinsel, sondern schon zuvor das Tuschereiben und die Lenkung der Imagination auf die zu schreibenden Zeichen, die zur Vertiefung der Meditation führen, deren Ergebnis dann auf dem Papier sichtbar gemacht wird. Es ist nicht nur das Tun heilsam, es ist auch die Bedachtsamkeit, die das Tun erst möglich macht.“

„Der Versuch, das Selbst mit Willenskraft und Manipulation zu kontrollieren, gleicht dem Versuch, einen bereits geworfenen Würfel zu beeinflussen oder das Wasser eines Flusses stromaufwärts zu schieben.“ (Dr. Usa)